.: Interview von Günther Freitag

 

Kleine Zeitung vom 20.9.2015, Interview & Bericht von Andreas Schöberl-Negishi

Version: Print/Online, 2 seitig

Von der Hitze des Tages in den Schatten


Günther Freitag aus Leoben brachte seinen neuen Roman „Die Entführung der Anna Netrebko“ im Wieser Verlag heraus. Neben Literatur ist Musik zentral für den Leobener Schriftsteller.

Günther Freitags Geschichten sind nicht nur in hellen Sonnenflecken angesiedelt. Viel mehr irrlichtern die Figuren seiner Romane auf der dunklen Seite des Mondes. In seinem neuen Buch „Die Entführung der Anna Netrebko“ kann man das einmal mehr schwarz auf weiß verbrieft haben. Der Roman ist im Wieser Verlag erhältlich.

Freitag zieht es beim Verfassen von Texten selbst in schwermütigsten Stunden ins Licht. Mehrere Monate im Jahr verbringt der Leobener Schriftsteller in idyllischer Ruhe auf der griechischen Insel Korfu. „Ich lebe schon seit mehr als 30 Jahren an zwei Plätzen. Ich habe aber nie das Gefühl, auf Urlaub zu sein.“ Dafür ist er viel zu oft in Griechenland. Für die Einheimischen sei er bereits wie einer der ihren. Auch an seinem Tagesablauf ändere sich eigentlich nichts im Vergleich zu Österreich: Wenn er einen Lauf hat, schreibt Freitag ohne Unterlass. Während er sich in der Tageshitze auf der Insel in sein schattiges Haus flüchtet, schreibt er sich indes mit seinen Texten ins Helle, Leichte. In emotional durchwachsenen Phasen sei er oft am produktivsten, meint er.

Besessenheit

Die Triebfeder des literarischen Schaffens sei für ihn eine Art Besessenheit, meint Freitag: „Man schreibt nicht auf den Erfolg hin. Im Schreibprozess ist man weitab von allen praktischen Überlegungen.“ Denn durch die langwierige Produktion eines Buches arbeite man bei der Veröffentlichung längst wieder am nächsten Text. Zweieinhalb Jahre hat das Verfassen von dem Roman „Die Entführung der Anna Netrebko“ gebraucht. Wohl ein Grund dafür sei das erhöhte Maß an Selbstkritik: „Je länger man schreibt, desto kritischer wird man den eigenen Texten gegenüber. Man möchte das Beste aus sich herausholen“, erläutert Freitag. In seinem Alter habe man jede Menge gute Bücher gelesen: „Das steckt natürlich im Kopf drinnen und das beeinflusst einen.“ Er veröffentlicht seit 35 Jahren und habe zu Beginn wirklich das Glück gehabt, vom renommierten Literaturverlag Droschl unter die Fittiche genommen zu werden. Die Veröffentlichung von „Brendels Fantasie“ im Jahr 2009 habe ihm ebenfalls sehr viel Positives als Autor beschert. „Dass Elke Heidenreich als sehr populäre Literaturkritikerin mein Buch in ihrer Edition herausgebracht hat, hat meine Position als Autor gefestigt.“ Das Buch sei weltweit auf Englisch und sogar auf Japanisch übersetzt worden.

Jetzt arbeite er an einem weiteren Roman mit dem Arbeitstitel „Parkett links“. Einige Passagen seien in der Literaturzeitschrift „manuskripte“ erschienen. Und auch im ORF seien Teile schon zu hören gewesen.

Ein Wagnis

Das Schreiben sei immer eine spannende Reise. „Wenn ich etwas beginne, kann ich nicht sagen, ob ich zu einem Ende komme oder nicht. Also ist das Schreiben immer wieder ein Wagnis, aber das macht es gerade so spannend“, erklärt Freitag. In seine Bücher fließe praktisch immer Autobiografisches ein. Jedoch nicht ganz im herkömmlichen Sinn. „Es ist selbst Erlebtes, Gehörtes, Gesehenes, das in Romane und Figuren einfließt. Plätze, an denen man selbst gewesen ist, oder Personen, die man kennengelernt hat, spielen eine Rolle.“ Keinesfalls seien es aber Abziehbilder des eigenen Lebens.

Zurück zu Freitags neuem Roman, dessen Titelbild der Leobener Künstler Herbert Lerchegger gestaltet hat. Keinesfalls geht es in dem Roman um eine Entführung. Es geht um den Kampf einer dominanten Mutter mit dem schwächlichen Sohn. Sie ist Staranwältin, die sich um medienwirksame Prozesse bemüht, und der Sohn ist in ihrer Kanzlei mit obskuren Klienten und Querulanten beschäftigt. Die Mutter knechtet, unterdrückt und bevormundet ihren Sohn. „Das Bindeglied ist die Musik“, erzählt Freitag, in dessen Leben Musik ebenfalls Vieles stimmig macht. Das CD-Cover, auf dem er Anna Netrebko sieht, ist Schlüsselreiz für den Sohn. Über diesen Umweg findet er zur Oper – dem einzigen Gebiet, auf dem der glaubt, seine Mutter als glühendem Fan der Tenöre, ebenbürtig sein zu können. Darüber verstrickt sich der Mann allerdings irgendwo im Nirgendwo zwischen Realität und seinen Tagträumereien.

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