Im kommenden Jahr werden wir Würmer essen

   Seit über vierzig Jahren verbringe ich einen Großteil des Sommers auf Korfu. Abseits der Touristenzentren lebe ich im Haus von Freunden in einem Olivenhain auf halber Höhe des Pantokrators, der die gesamte Insel überblickt. Mit einer Höhe, die in den Angaben (eine Metapher für die griechische Mentalität?) zwischen 906 und 917 Metern schwankt. Womit ich in der kürzesten Zeit bei den Vorurteilen angekommen bin, die seit der großen Finanzkrise an diesem Land und seinen Menschen haften. Faul seien sie, die Griechen, und durchtriebene Steuerhinterzieher, Frühpensionäre und stets bereit, auf antike Philosophen zu verweisen, wenn ihnen tatsächliche oder angedichtete Fehler vorgehalten werden. Ohne sie gäbe es keine Demokratie, habe auch ich schon vernommen, obwohl das antike Verständnis von ihr wohl nur eine vage Vorstufe für unser heutiges bedeutet.




  Nie ist es ein Volk, das einen Staat schädigt, immer sind es verkommene Politiker, die verantwortungslos Geschenke an Wähler verteilen und Schlupflöcher öffnen, um die eigene Wiederwahl und persönliche Korruption zu sichern. Dass griechische Finanzämter mittelalterlichen Schreibstuben ähnelten und es ein Leichtes war, Steuern zu hinterziehen, muss diesen rücksichtslosen Eliten an den Schaltstellen des Staates und nicht den einfachen Bürgern angelastet werden, was jedoch nicht bedeuten soll, dass die großen Gauner die Gaunereien im Kleinen rechtfertigen. Ganz im Gegenteil haben dies die meisten Griechen auch verstanden und sich bemüht, die Krise samt ihren Einschränkungen und Verlusten (nicht bloß im materiellen Sinn!) zu bewältigen.

   In der aktuellen Corona-Krise wird hin und wieder auf Kollateralschäden hingewiesen, welche die physische und psychische Gesundheit (abgesehen von ökonomischen Verwerfungen) bedrohen. Ebenso wie heute die Verhinderung einer zweiten Welle und die Senkung der Reproduktionszahlen im Vordergrund zu stehen scheinen, wurde in der griechischen Schuldenkrise mit harten Hilfsprogrammen einseitig auf die Schuldenreduktion gepocht, was einen enormen Anstieg der Arbeitslosenzahlen, vor allem unter Jugendlichen, zur Folge hatte. Europa, und besonders Deutschland, wurde als unmenschlicher Zuchtmeister verteufelt. Angela Merkel mit Hitlerbart auf der Titelseite war gewiss nicht geeignet, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.

   Zwei Jahre nach dem Ausbruch der Schuldenkrise habe ich begonnen, aus Miterlebtem und Gehörtem literarische Figuren zu gestalten, die in kurzen Prosaskizzen symbolisch für die Menschen in Griechenland stehen konnten und ein möglichst breites Spektrum abdecken sollten. Zwischen den einzelnen Texten spiegeln Schwarzweißfotos den Verfall und die Depression im Land wider. Als die ersten Reformschritte zu greifen begannen, erschien „Café Olympia“ im Wieser Verlag (2013).





   Das Café existiert heute nicht mehr in seiner ursprünglichen Form, die Insel schien sich wie das gesamte Land von der Krise und den Sparprogrammen zu erholen. Die Wirtschaftsdaten gestatteten einen vorsichtigen Optimismus, und die Menschen wirkten befreit, bis sie von einer neuen Krise nach einem zehnjährigen Kampf in einen tiefen Abgrund gestoßen wurden.

   Früher als die meisten europäischen Länder hatte Griechenland auf die Virusbedrohung reagiert und Maßnahmen gesetzt, die die Infektionszahlen niedrig hielten. Der Einwand, dass die Zahlen auch Folge einer schmalen Testung seien, entspricht wohl nur marginal den Tatsachen. Vor allem die Inseln, die für den Fremdenverkehr so wichtig sind, ließen sich recht effektiv abschotten. Und das dem Umstand geschuldet, dass etwa ein Viertel der griechischen Wertschöpfung dem Tourismus entstammt.

   Alle Mühe wird sich am Ende einer katastrophalen Saison als vergeblich herausstellen. Ein Großteil der Hotels auf der Insel öffnet nicht, beschäftigt deshalb seine Angestellten nicht, die zehn Jahre nach der Schuldenkrise heute von einem Virus ins Elend verdammt werden. Gespenstisch wirkt die Strandlinie im Sinkflug, wenn die geschlossenen Hotels und leeren Strände im Flugzeugfenster auftauchen. Im kommenden Jahr werden wir Würmer essen, ist zur Phrase geworden, mit der die Betroffenen deprimiert ihre Aussichten beschreiben.



 

 Von den ursprünglich fünf Maschinen pro Woche fliegen heute noch zwei kleinere von Wien nach Korfu; würden alle Menschen ihrem Kanzler folgen und im eigenen Land Urlaub machen, fielen auch diese beiden Flugzeuge weg. Dass im Gegenzug die deutschen Nachbarn ersucht werden, in Österreich zu urlauben, finden weder der Kanzler noch die Tourismusministerin bedenklich. Mit den „sparsamen Vier“ (eigentlich Fünf) hat sich unser Kanzler dafür starkgemacht, das „geschenkte Geld“ als Krisenüberbrückung im Verhältnis zu den Krediten schmal zu halten. Wieder klingt etwas an, das wie „die faulen Südländer“ anmutet. Ähnliches war in der Finanz- und Schuldenkrise zu hören und nur dazu angetan, die eigene Wählerschaft zufriedenzustellen.

   Über Partys an Kärntner Seen wurde berichtet, über die Sorglosigkeit von freikirchlichen Zusammentreffen, die Maskenpflicht wurde zu Recht erneut ausgeweitet.

   Mit dem Blick auf ein tiefblaues Meer sitze ich auf halber Höhe, fahre ich zum Schwimmen an den Strand, sehe ich reihenweise leere Liegestühle, obwohl im Vergleich zum Vorjahr ihre Zahl wegen der Abstandsregel drastisch reduziert wurde. Kellner mit Mund-Nasen-Schutz versuchen den Alltag vorzutäuschen, die Ausnahmesituation wegzulächeln. Trostloser als die meisten Strände wirkt nur die Inselhauptstadt. Schon die Fahrt ins Zentrum zeigt die Veränderung: Wo in all den Jahren Stau herrschte, fährt man ungehindert durch, findet rasch einen Parkplatz und kann in den Cafés, so sie geöffnet sind, unter zahllosen freien Tischen wählen.




 
   Im kommenden Jahr werden wir Würmer essen, hört man und spürt, dass es so sein wird, nicht wörtlich, aber die Menschen werden abermals leiden. Und kein eitler Politiker wird ihnen auch nur den geringsten Teil der Schuld an ihrem Elend zuweisen können.

 

Kérkyra, Juli 2020

Günther Freitag, geboren 1952, veröffentlichte zuletzt (2019) im Wieser Verlag den Roman „Mahlers Taktstock“.

 








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